Weibliche Ejakulation

Als weibliche Ejakulation wird bei der Frau das stoßweise Freisetzen eines Sekrets auf dem Höhepunkt der sexuellen Erregung bezeichnet, das mit einem intensiven Lusterlebnis verbunden ist. Das Ejakulat wird beim Orgasmus durch mehrere sehr kleine Ausgänge in den Endabschnitten der Harnröhre sowie rechts und links derselben abgesondert. Diese sexuelle Reaktion der Frau unterlag lange Zeit einer medizinischen und gesellschaftlichen Tabuisierung. Weiterer Forschungsbedarf besteht unter anderem zur genauen Zusammensetzung des Ejakulats, des genauen anatomischen und physiologischen Entstehungsorts sowie der Vorgänge, die zum Auslösen der Ejakulation führen.

Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen handelt es sich bei weiblicher Ejakulation und Squirting im Grunde um zwei verschiedene Vorgänge, die allerdings gleichzeitig während eines Orgasmus auftreten können. Squirting allein bezeichnet ein stoßweises Ausspritzen der in der Blase befindlichen Flüssigkeit, die Eigenschaften verdünnten Urins aufweist. Dieser Prozess ereignet sich während des Orgasmus.

 

 

Entdeckungsgeschichte

Aristoteles berichtete um 300 v. Chr. von einer flüssigen Absonderung beim weiblichen Orgasmus, die jedoch keinen Samen enthalte. Galen beschrieb im 2. Jahrhundert eine weibliche Prostata, aus der von Frauen Samen ejakuliert werden könne.[7][8]

In der Renaissance bezieht sich der Anatom Realdo Colombo in seiner Arbeit über die Funktion der Klitoris auf die weibliche Ejakulation.

Eine detaillierte Beschreibung als „schwallartiger Erguss“ während der Erregung verfasste 1672 der niederländische Arzt Regnier de Graaf in seinem Werk über die weiblichen Geschlechtsorgane. Er wies auch auf eine besonders sensible Zone in der vorderen Scheidenwand hin, die er mit der Prostata des Mannes verglich.[9][10]

1950 beschrieb der deutsche Gynäkologe Ernst Gräfenberg diese Zone und ihre Bedeutung,[11] die später als Gräfenberg-Zone (G-Punkt) bezeichnet wurde. Der Gynäkologe Chua Chee Ann aus Malaysiafand 1997 in der Scheidenvorderwand auch einen noch reizempfindlicheren A-Punkt.[12]

In der Literatur ab dem 17. Jahrhundert war die als „Freudenfluss“ benannte Flüssigkeit, die bei der weiblichen Ejakulation freigesetzt wird, wohl bekannt, wurde aber von der Wissenschaft bis in die Neuzeit weitgehend ignoriert. Ausnahmen waren der bereits genannte Ernst Gräfenberg und der Grazer Psychiater Richard von Krafft-Ebing, der 1888 anmerkte, dass „auch beim Weibe ein den Moment höchster Wollust markierender Ejaculationsvorgang oder Ejaculationsgefühl besteht.“[13]

Weibliche Ejakulation ist auch das Ziel der Sexualpraktik Kunyaza, die seit jeher in Ruanda traditionell angewendet wird.

 
Weibliches Genital (Vulva)

Ab den 1970er Jahren wurde das Thema im Zuge der Frauenbewegung erneut aufgegriffen. Im Kontext der Frauenselbsthilfebewegung wird auf die weibliche Ejakulation unter dem Oberbegriff Lubrikationsproblematik insbesondere in dem Aufklärungsbuch zu lesbischer Sexualität Sapphisterie von Pat Califia (1981) eingegangen. Schwerpunkt bildet hier die Vermittlung der weiblichen Ejakulation als natürlichem Teil des weiblichen sexuellen Erlebnisspektrums. 1987 wurde die weibliche Ejakulation in dem Handbuch A New View of a Woman’s Body, herausgegeben von Carol Dawner (USA), Initiatorin der Vaginalen Selbstuntersuchung, unter der Bezeichnung „Freudenfluss“ beschrieben. Dieses Buch beruht auf Forschungen der Gruppe um Dawner zu lesbischer Sexualität. Hierbei gewonnene Erkenntnisse zur weiblichen Ejakulation wurden der Sexualforscherin Beverly Whipple (Emerita an der Rutgers University) und dem Sexualforscher John D. Perry, Autoren des Buches G-Point, übermittelt. Dies trug unter anderem dazu bei, dass Ende der 1970er Jahre das Thema „weibliche Ejakulation“ in den USA wieder verstärkt in die gesellschaftliche Diskussion eintrat.

Gleichzeitig mit der Anerkennung der Existenz des G-Punktes durch die Arbeiten von Ladas, Whipple und Perry wurde die weibliche Ejakulation Gegenstand medizinischen Interesses.[14] Im Jahre 1981 präsentierten F. Addiego und Kollegen eine Studie zum Nachweis dieses Phänomens.[15] Darling, Davidson und Conway-Welch schrieben 1990, dass 40 % der befragten Frauen von einem Flüssigkeitsausstoß berichtet hätten.

Trotz einiger Studien von Beverly Whipple, John Perry, Gary Schuback, Milan Zaviačič und Cabello Santamaria ist jedoch nach wie vor weitgehend unklar, woher die ejakulierte Flüssigkeit stammt und wie der Vorgang genau abläuft. Chemische Analysen des Ejakulats ergaben, dass es sich um Urin, Sekrete der Paraurethraldrüse („Skene-Drüse“) oder eine Mischung aus beidem handelt.

 
Paraurethraldrüse („Skene-Drüse“) mit dem im periurethralem Bindegewebe liegenden G-Punkt, Skizze in Sagittalebene

Chemische Analysen des weiblichen Sekrets enthüllen eine Ähnlichkeit mit der Flüssigkeit der Vorsteherdrüse. Als ein charakteristisches Merkmal, das Urin vom Sekret unterscheidet, gilt die Konzentration der sauren Prostata-Phosphatase (PAP). Fast alle US-amerikanischen Studien fanden heraus, dass die PAP-Konzentration im weiblichen Ejakulat die des Urins um ein Vielfaches übersteigt. Auch andere Indikatoren wie der Calciumgehalt sprechen gegen die Urin-Hypothese. Die Berichte der betreffenden Frauen bestätigen dies ebenfalls.[18] Die Flüssigkeit hat ein klares Aussehen, der Geruch ist mehr oder weniger stark, der Geschmack ist scharf.[19] Nach anderer Quelle sieht die Flüssigkeit, die in der Menge etwa eines Teelöffels ausgestoßen wird, wie abgestandene Magermilch aus ("watered-down fat-free milk") und schmeckt süß ("tasting sweet").

Häufigkeit

Es lässt sich nicht genau feststellen, wie viele Frauen beim Orgasmus ejakulieren. In den 1960er Jahren gingen Masters und Johnson von einem Prozentsatz von 4,7 % aus.[21] Neuere Studien vermuten hingegen einen deutlich höheren Prozentsatz von bis zu 54 %.[22]

Physiologie

Die weibliche Ejakulation wird als homologe Reaktion zur männlichen Ejakulation aufgefasst.[23] Untersuchungen legen nahe, dass es sich bei der ausgestoßenen Flüssigkeit um eine gemischte Sekretion handelt. Als mögliche Quellen des Ejakulats gelten paraurethrale Drüsen, Bartholin-DrüsenCervix-, Gebärmutter- und Eileiterflüssigkeit sowie Transsudatflüssigkeit aus der Urethra. Unklar ist immer, ob ein Anteil des Ejakulats aus der Harnblase stammt (Urin), da sich in der Blase der Frau nicht zu jeder Zeit auch Urin befinden muss.